Home | Impressum | Sitemap | KIT
bd3

Friedrich Weinbrenner und die Weinbrenner-Schule

Elisabeth Spitzbart
Karl Joseph Berckmüller 1800–1878. Architekt und Zeichner
Karlsruhe 1999 (Band III)


Der Karlsruher Architekt Karl Joseph Berckmüller (1800–1879) gehört zu der letzten Schülergeneration von Friedrich Weinbrenner. Im Anschluss an seine Ausbildung trat er im Mai 1823 eine fünf jährige Studienreise an, die ihn durch weite Teile Deutschlands und Österreichs, nach England, Frankreich und schließlich nach Italien führte. Das umfangreiche Konvolut der erhaltenen Reisezeichnungen und Skizzenbücher, Veduten, Architekturstudien und Bauaufnahmen wird hier erstmals vorgestellt. Die Studien dieses begabten Zeichners ermöglichen eine Rekonstruktion des Reiseverlaufs und geben eine Vorstellung von einer charakteristischen Bildungsreise eines Architekten des Spätklassizismus bzw. beginnenden Historismus.
'1828 nach Karlsruhe
zurückgekehrt, legte Berckmüller bei Weinbrenners Nachfolger Heinrich Hübsch die Staatsprüfung ab und qualifizierte sich damit für eine Laufbahn im Staatsdienst. Überraschenderweise aber kehrte er der Architektur zunächst den Rücken. Nach seiner Hochzeit mit Caroline von Eichthai, der Tochter des Karlsruher Bankiers und Unternehmers David von Eichthai, widmete er sich für die kommenden 15 Jahre der Leitung der schwiegerväterlichen Munitions- und Textilfabrik in St. Blasien, eines damals führenden Wirtschaftsunternehmens in Baden.
Neben
der ,fachfremden` Direktionstätigkeit hatte er jedoch auch Gelegenheit, weiterhin gestalterisch tätig zu werden; es haben sich Entwürfe für Denkmäler, Grabsteine, Schmuckblätter und kunstgewerbliche Gegenstände erhalten. Erst mit dem wirtschaftlichen Niedergang des Unternehmens kehrte er zur Architektur zurück; ab 1845 wirkte er als Bezirksbaumeister, und 1853 wurde er zum Leiter des Hofbauamtes ernannt.
Sein
architektonisches Oeuvre ist nicht sehr umfangreich. Sein Hauptwerk war das ehemalige Sammlungsgebäude (heute Naturkundemuseum) mitsamt der Gestaltung des Friedrichsplatzes in Karlsruhe und seiner - heute überwiegend zerstörten - Bebauung. Im zeichnerischen und architektonischen Werk Berckmüllers spiegelt sich die Entwicklung der Baukunst vom Klassizismus zur Romantik und weiter zum Historismus wider, aber auch die besondere Situation architektonischer Entwicklungsmöglichkeiten in Baden im Spannungsfeld zwischen Weinbrenner und Hübsch. Ausgebildet im Geist des Klassizismus, öffnet er sich auf seinen Reisen in Italien der nachantiken Formenwelt, vor allem der dekorreichen Renaissance oberitalienischer Prägung.
In seinem
Entwurf für die Staatsprüfung 1829 sowie in seinen Entwürfen als Bezirksbaumeister zeigt er sich jedoch dem Rundbogenstil des Baudirektors Hübsch verpflichtet. Erst in seinem Spätwerk als Hofbaumeister des Großherzogs fand er die Möglichkeit, die schon in seinen Reisestudien erkennbaren stilistischen Vorlieben in einer persönlichen, klassischen Variante der Neurenaissance zu verwirklichen.